Banner Pfarrei Herz Mariae

Kirchengeschichte


Donnerstag, 1. Juni 2017

Ausstellung "Krieg im Äther"

Wiesbadener Kurier berichtet über Themenabend

Beim zweiten Themenabend zur Ausstellung "Krieg im Äther" war der Redakteur und Cineast Mathias Gubo als interessierter Gast in der Kirche Herz Mariae. Sein Bericht erschien am 1. Juni 2017 im Wiesbadener Kurier.

Mathias Gubo

"Der böse Westen überwand sogar die Berliner Mauer"

ZEIT­GE­SCHICH­TE - Aus­stel­lung und Vor­trä­ge zum „Krieg im Ät­her“ in We­hen

WE­HEN (mg). Die Ver­fol­gungs­fahrt durch das Ost-Ber­lin des Jah­res 1965 hat ih­ren Reiz. Nicht so sehr, weil sie span­nend ist, son­dern viel­mehr als Do­ku­ment der da­ma­li­gen Zu­stän­de im an­de­ren Teil Deutsch­lands: lee­re Stra­ßen, kei­ne par­ken­den Au­tos, da­für Pfer­de­an­hän­ger. Rie­si­ge, tie­fe Lö­cher in den Stra­ßen, klaf­fen­de Lü­cken in den Häus­er­zei­len. Die Spu­ren des Krie­ges sind noch im­mer nicht ge­tilgt. Doch da­rum ging es den Ma­chern der Kri­mi-Se­rie „Blau­licht“ im DDR-Fern­se­hen auch nicht. Dies er­läu­ter­te der His­to­ri­ker Dr. Mi­cha­el Graf bei ei­nem Vor­trag im Rah­men der Aus­stel­lung „Krieg im Ät­her“ zum me­dia­len Klas­senkampf bei­der deut­scher Staa­ten.

Kri­mi­nal­film soll­te auch lehr­reich sein

Die Ma­cher von Kri­mi­nal­fil­men in der DDR wa­ren um ih­re Auf­ga­be nicht zu be­nei­den. Oh­ne die Zu­stim­mung von In­nen­mi­nis­te­ri­um (Po­li­zei) und Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um (Staats­an­walt­schaft) ging gar nichts, ein Kri­mi­nal­film soll­te lehr­reich sein und zum Nach­den­ken an­re­gen, trotz­dem „ge­halt­vol­le Un­ter­hal­tung“ sein. Ei­ne Grat­wan­de­rung, die of­fen­bar nicht im­mer ge­lang, denn so­gar der jun­ge Er­ich Ho­ne­cker ätz­te auf ei­nem Par­tei­tag der SED, das Fern­se­hen müs­se „mehr Un­ter­halt­sam­keit und we­ni­ger Lang­ewei­le“ bie­ten.

Wie al­so ei­nen Kri­mi­nal­film in ei­nem Land ma­chen, in dem es qua De­fi­ni­ti­on ei­gent­lich keine Kri­mi­na­li­tät gibt? Kri­mi­na­li­tät näm­lich, so wur­de die SED nicht mü­de zu be­to­nen, sei „dem So­zia­lis­mus we­sens­fremd“. Die of­fi­ziel­le DDR-Sta­tis­tik schien dies zu be­le­gen, verzeich­ne­te man doch ge­ra­de ein­mal 750 Straf­ta­ten auf 100 000 Ein­woh­ner. Zum Ver­gleich: In West­deutsch­land lag die Zahl da­mals bei 6700.

Wa­rum die Kri­mi­na­li­tät mög­li­cher­wei­se tat­säch­lich ge­rin­ger war, gab es Grün­de: die ho­he Po­li­zei­prä­senz, das en­ge Über­wa­chungs­netz im All­tag, ge­naue Per­so­nen­kon­trol­len und die ab­ge­rie­gel­ten Gren­zen. Im DDR-Kri­mi kommt das Ver­bre­chen oder der Ver­bre­cher des­halb im­mer aus dem Wes­ten. Auch nach dem Bau der Mau­er, wie es die Fol­ge „Auf­trag Mord“ der Se­rie „Blau­licht“ 1965 vor­macht: Ein du­bio­ser Be­am­ter aus dem Wes­ten er­presst ei­nen Zigaret­ten­schmug­gler, ei­nen Mord in Ost­ber­lin zu be­ge­hen.

Al­ler­dings wur­de die Kri­mi­nal­sta­tis­tik auch ge­schönt: Aus man­cher Straf­tat wur­de per Ge­setz nur ei­ne „Ver­feh­lung“, da­für gab es neue Kri­mi­na­li­täts­pa­ra­gra­fen wie un­ge­setz­li­chen Grenzüber­tritt, Row­dy­tum oder staats­feind­li­che Het­ze.

Doch zu­rück zum „Blau­licht“: Dort be­rat­schla­gen die Kom­mis­sa­re an ei­ner Wurst­bu­de. Womög­lich ha­ben die Köl­ner „Ta­tort“-Ma­cher die­se Idee ge­klaut?